Drohnenbefliegung von Biogasanlagen im Innenbereich
Sicherheit · Praxis · Technik · Handlungsempfehlungen
Warum dieses Thema mehr ist als „ein Spezialfall“
Die Befliegung von Biogasanlagen mit Drohnen wird längst durchgeführt. Nicht vereinzelt, sondern regelmäßig – von spezialisierten Dienstleistern, internationalen Energieunternehmen und Inspektionsfirmen. Was dabei nach außen oft wie ein technologischer Fortschritt wirkt, ist in Wahrheit ein Einsatz in einem der sensibelsten industriellen Umfelder überhaupt.
Biogasanlagen sind keine landwirtschaftlichen Nebenanlagen. Sie sind technische Systeme, in denen unter kontrollierten Bedingungen Gase entstehen, die gleichzeitig energiereich, toxisch und explosionsfähig sind. Diese Kombination macht sie zu einem Umfeld, das im klassischen Arbeitsschutz seit Jahren als Hochrisikobereich geführt wird.
Der Einsatz von Drohnen verschiebt dieses Risiko. Er nimmt es nicht weg. Er verlagert es. Der Mensch bleibt draußen – die Technik geht hinein.
Genau an dieser Stelle beginnt die Verantwortung des Drohnenpiloten.
Was in Biogasanlagen tatsächlich passiert
Um die Risiken zu verstehen, muss man die Anlage verstehen. In einem Fermenter werden organische Stoffe unter Ausschluss von Sauerstoff vergoren. Dabei entsteht Biogas, das überwiegend aus Methan und Kohlendioxid besteht. Je nach Substrat enthält es zusätzlich Schwefelwasserstoff.
Methan ist hochentzündlich. Es bildet mit Luft ein explosives Gemisch. Und zwar nicht erst in extremen Konzentrationen, sondern bereits in einem relativ engen, aber praxisrelevanten Bereich. Diese Gemische entstehen nicht nur im Inneren der Anlage, sondern können durch Leckagen oder Prozesse auch nach außen gelangen.
Schwefelwasserstoff ist ein Gas, das in höheren Konzentrationen tödlich wirkt. Es ist tückisch, weil es in niedrigen Konzentrationen noch wahrnehmbar ist, in höheren jedoch die Geruchswahrnehmung ausschaltet. Wer sich darauf verlässt, „etwas zu riechen“, ist bereits im falschen Film.
Kohlendioxid wiederum verdrängt Sauerstoff. Das bedeutet: Selbst ohne toxische Wirkung kann eine Atmosphäre entstehen, in der ein Mensch schlicht nicht mehr atmen kann.
Diese drei Faktoren – Explosion, Vergiftung, Sauerstoffverdrängung – wirken nicht isoliert, sondern gleichzeitig. Und oft unsichtbar.
Die größte Fehleinschätzung: Man sieht die Gefahr nicht
Eine der zentralen Erkenntnisse aus internationalen Messkampagnen ist, dass Biogasanlagen kontinuierlich Methan emittieren können. Diese Emissionen sind nicht zwangsläufig spektakulär. Es sind keine „sichtbaren Wolken“. Es sind diffuse, unsichtbare Bereiche, die sich je nach Wetterlage verändern.
Das bedeutet in der Praxis:
- Eine Drohne kann sich in einem Bereich bewegen, der bereits explosionsfähig ist – ohne dass der Pilot irgendeinen Hinweis darauf hat.
- Kein Display zeigt das an. Kein Kamerabild warnt davor.
- Es ist schlicht nicht sichtbar.
Diese Unsichtbarkeit ist der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Einsatzszenarien im Drohnenbereich.
Warum Drohnen überhaupt eingesetzt werden
Trotz dieser Risiken ist der Einsatz von Drohnen kein Fehler – im Gegenteil. Er ist in vielen Fällen die bessere Lösung.
Klassische Inspektionen von Biogasanlagen, insbesondere im Inneren von Fermentern, gehören zu den gefährlichsten Tätigkeiten im industriellen Umfeld. Menschen müssen in enge, schlecht belüftete Räume einsteigen, oft unter Atemschutz, gesichert durch zusätzliche Teams. Jeder dieser Einsätze ist aufwendig, teuer und mit realem Risiko verbunden.
Drohnen verändern dieses Szenario grundlegend. Sie ermöglichen es, diese Räume zu inspizieren, ohne dass ein Mensch sie betreten muss. In der Praxis bedeutet das:
Ein Fermenter wird geöffnet, eine Drohne wird durch eine Wartungsöffnung eingeführt, und die gesamte Innenstruktur kann visuell erfasst werden. Risse, Korrosion, Ablagerungen oder strukturelle Schäden lassen sich dokumentieren, ohne dass Personal in Gefahr gebracht wird.
Internationale Projekte zeigen, dass solche Inspektionen nicht nur sicherer, sondern auch deutlich effizienter sind. Stillstandszeiten werden reduziert, Kosten sinken erheblich, und die Datenqualität steigt. Drohnen sind hier kein Spielzeug. Sie sind ein Werkzeug des Arbeitsschutzes.
Der blinde Fleck: Die Drohne selbst als Risiko
Genau an diesem Punkt entsteht jedoch ein neues Problem. Die Drohne wird Teil des Systems – und damit auch Teil des Risikos.
In klassischen Arbeitsschutzkonzepten wird davon ausgegangen, dass der Mensch geschützt werden muss. Es gibt klare Regeln für persönliche Schutzausrüstung, Gaswarnsysteme, Zugangsbeschränkungen und Notfallmaßnahmen. Für Drohnen existieren solche spezifischen Regelungen in diesem Kontext kaum.
Dabei bringt die Drohne eigene Gefahren mit:
- Ein Lithium-Akku kann im Fehlerfall thermisch durchgehen.
- Ein Motor kann Funken erzeugen.
- Eine Kollision kann mechanische Schäden verursachen.
In einer Umgebung mit explosionsfähiger Atmosphäre ist das nicht nur ein technisches Problem. Es ist ein potenzieller Zündvorgang.
Diese Tatsache wird in der Praxis häufig unterschätzt oder gar nicht betrachtet.
Drohnenbefliegung von Biogasanlagen im Innenbereich
Was in der Praxis zur Indoor-Inspektion geflogen wird
Ein Blick auf reale Einsätze zeigt schnell: Normale Drohnen kommen hier nicht zum Einsatz.
Spezialisierte Unternehmen setzen auf Systeme, die für industrielle Innenräume entwickelt wurden. Ein Beispiel sind die Flyability Elios 3 oder die Flybotix ASIO X. Dieses Drohnen sind für Indoor-Inspektionen konzipiert und von einem schützenden Käfig umgeben, der Kollisionen erlaubt, ohne dass das System sofort abstürzt. Sie verfügt über starke Beleuchtung, Sensorik und die Fähigkeit, auch ohne GPS stabil zu fliegen. Und sie haben Detektoren, die gefährliche Gase aufspüren können:
Flyability Elios 3 und Flybotix ASIO X verfolgen bei der Gasdetektion unterschiedliche Ansätze
Bei der Gasdetektion unterscheiden sich die Systeme deutlich. Die Flyability Elios 3 setzt mit ihrem neuen Flammable Gas Sensor auf die Detektion brennbarer Gase im LEL-Bereich und ist damit vor allem für die frühzeitige Warnung vor explosionsfähigen Atmosphären relevant. Die Flybotix ASIO X geht mit der integrierten Detektion von Methan, Schwefelwasserstoff, Sauerstoff und Kohlenmonoxid stärker in Richtung klassischer Confined-Space-Arbeitsschutz. Für Biogasanlagen ist dieser Unterschied entscheidend: Methan adressiert die Explosionsgefahr, H₂S die akute Vergiftungsgefahr und O₂ die Gefahr von Sauerstoffmangel. CO₂, das in Biogasanlagen ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, ist in den öffentlich verfügbaren Standardangaben beider Systeme nicht als detektierbares Gas ausgewiesen.
Die Elios 3 hat mit dem neuen Flammable Gas Sensor vor allem einen LEL-/Explosionsschutz-Fokus: Sie erkennt brennbare Gase, insbesondere Methan und Wasserstoff, aber kein H₂S, kein CO und kein O₂. Flyability weist ausdrücklich darauf hin, dass der Sensor ein zusätzliches Sicherheitsinstrument ist und bestehende Gasfreimessung, Sicherheitsprotokolle und Arbeitsschutzmaßnahmen nicht ersetzt. Außerdem ist die Elios 3 trotz Sensor nicht eigensicher / nicht ATEX-zertifiziert.
Die Flybotix ASIO X hat dagegen einen stärker klassischen Confined-Space-/Arbeitsschutz-Fokus:
Sie detektiert laut Hersteller bzw. Datenblatt vier Gase: Methan CH₄, Schwefelwasserstoff H₂S, Sauerstoff O₂ und Kohlenmonoxid CO. Das ist für Biogasanlagen besonders relevant, weil hier neben Explosionsgefahr auch Vergiftung und Sauerstoffmangel zentrale Gefährdungen sind.
Gasdetektion Flyability Elios 3 vs. Flybotix ASIO X
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Gas / Messgröße |
Relevanz bei Biogasanlagen |
Flyability Elios 3 mit Flammable Gas Sensor |
Flybotix ASIO X |
|---|---|---|---|
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Methan CH₄ |
sehr hoch: explosionsfähiges Biogas-Hauptgas |
Ja. Messung 0–100 % LEL; Methan ist in der technischen Spezifikation ausdrücklich aufgeführt. Genauigkeit laut Flyability für Methan über den gesamten Umweltbereich garantiert. |
Ja. 0–100 % LEL bzw. 0–5 % Vol. CH₄; Auflösung 0,01 % LEL; Genauigkeit ±5 % vom Messwert laut Datenblatt. |
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Wasserstoff H₂ |
je nach Prozess / Umfeld relevant, explosionsfähig |
Ja. H₂ ist ausdrücklich aufgeführt; Messung 0–100 % LEL. Flyability nennt H₂ neben Methan als Gas mit garantierter Genauigkeit über den gesamten Umweltbereich. |
In den gefundenen ASIO-X-Hersteller-/Datenblattangaben nicht als Standardgas ausgewiesen. |
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Schwefelwasserstoff H₂S |
sehr hoch: akut toxisch, typisch bei Biogas / Gärprozessen |
Nein. Flyability beantwortet dies ausdrücklich: Der Elios-3-Flammable-Gas-Sensor kann H₂S nicht detektieren. |
Ja. 0–200 ppm, Auflösung 0,1 ppm, Genauigkeit ±5 % vom Messwert laut Datenblatt. |
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Sauerstoff O₂ |
sehr hoch: Sauerstoffmangel / Erstickungsgefahr |
Nein, jedenfalls nicht mit dem Flammable Gas Sensor; dieser ist auf brennbare Gase / LEL ausgelegt. |
Ja. 0–25 % Vol., Auflösung 0,1 %, Genauigkeit ±0,5 % vom Messwert laut Datenblatt. |
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Kohlenmonoxid CO |
relevant als toxisches Gas, je nach Anlage / Umfeld |
Nein, nicht als detektierbares Gas des Flammable Gas Sensors ausgewiesen. |
Ja. 0–1000 ppm, Auflösung 0,1 ppm, Genauigkeit ±5 % vom Messwert laut Datenblatt. |
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Kohlendioxid CO₂ |
sehr hoch bei Biogas: Sauerstoffverdrängung / Erstickungsgefahr |
In den gefundenen Flyability-Angaben nicht ausgewiesen. |
In den gefundenen ASIO-X-Angaben nicht ausgewiesen. |
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Weitere brennbare Gase |
je nach Industrieumfeld relevant |
Ja. Flyability listet u. a. Butan, Ethan, Isobutan, Isobutylen, Isopropanol, MEK, Pentan, Propan, Propylen, Aceton, Ethylen, Heptan, Octan, Styrol, Toluol und Xylol mit 0–100 % LEL. Zusätzlich werden weitere Gase erkannt, aber ohne garantierte LEL-Genauigkeit. |
In den gefundenen Unterlagen liegt der Fokus auf den vier Gasen CH₄, H₂S, O₂ und CO. |
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Messlogik |
wichtig für Interpretation |
LEL-Warnsensor für brennbare Gase; Anzeige in % LEL, Gasart/Gasklasse und Konzentration in der Cockpit App. |
Mehrgasdetektion für Confined Spaces: CH₄, H₂S, O₂, CO; laut Hersteller „detects, locates & quantifies“ diese vier Gase in Echtzeit. |
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Kalibrierung / Prüfung |
wichtig für Zuverlässigkeit |
Factory calibrated; laut Flyability keine Feldkalibrierung erforderlich, aber Bump Test / Initialisierung in sauberer Luft und ggf. Routine-Checks. |
Laut Datenblatt Kalibrierung monatlich zur Sicherheit bis jährlich für qualitative Messungen; Kalibrierungs-App und Hardware mitgeliefert, Gasflasche nicht enthalten. |
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Wichtiger Sicherheitshinweis |
zentral für den Artikel |
Flyability betont: Sensor ersetzt keine Standard-Gasdetektion und ist kein Suchwerkzeug für Gaskonzentrationen. Bei Gasdetektion soll der Bereich verlassen und die Drohne abgeschaltet werden; die Elios 3 bleibt eine non-ATEX drone. |
Auch bei ASIO X gilt fachlich: Die Drohne kann Messwerte liefern, ersetzt aber keine Gefährdungsbeurteilung, Freigabeprozesse, Gasfreimessung und Betreiberverantwortung. Die Herstellerangaben nennen Gasdetektion, aber daraus folgt nicht automatisch eine generelle Freigabe für Ex-Bereiche. |
Wichtiger Hinweis: Gasdetektion an Bord einer Drohne erhöht die Lagewahrnehmung, ersetzt aber keine Gefährdungsbeurteilung, keine Gasfreimessung, keine Betreiberfreigabe und keine Ex-Schutz-Bewertung. Sie ist ein zusätzliches Sicherheitsinstrument — nicht die sicherheitstechnische Legitimation des Einsatzes.
Ergänzt werden solche Systeme durch industrielle Plattformen wie die DJI Matrice 350 RTK, wenn es um Außeninspektionen oder die Integration spezieller Sensorik geht, beispielsweise zur Gasdetektion.
Was auffällt:
Diese Systeme sind nicht zufällig gewählt. Sie sind das Ergebnis konkreter Anforderungen:
- Stabilität ohne GPS
- Kollisionsresistenz
- starke Beleuchtung
- präzise Steuerbarkeit in engen Räumen
Consumer-Drohnen erfüllen diese Anforderungen nicht.
Wie ein Einsatz tatsächlich abläuft
Ein professioneller Einsatz beginnt nicht mit dem Einschalten der Drohne, sondern mit einer Einweisung. Der Betreiber der Anlage stellt die sicherheitsrelevanten Informationen bereit, erläutert die Gefahrenbereiche und definiert die Ziele der Inspektion.
Anschließend wird der Einsatz geplant. Es wird festgelegt, welche Bereiche beflogen werden sollen, wie der Zugang erfolgt und welche Besonderheiten zu beachten sind. Gerade in Innenräumen ist die Orientierung eine Herausforderung, da GPS nicht zur Verfügung steht und visuelle Referenzen oft fehlen.
Der Zugang erfolgt in der Regel über Wartungsöffnungen. Diese sind häufig klein, was bereits Anforderungen an die Größe und Handhabung der Drohne stellt. Der Pilot bleibt dabei grundsätzlich außerhalb des Gefahrenbereichs.
Der Flug selbst erfolgt langsam und kontrolliert. Schnelle Manöver sind nicht nur unnötig, sondern gefährlich. Hindernisse wie Rohre, Streben oder Ablagerungen erfordern höchste Konzentration. Gleichzeitig muss der Pilot ständig im Hinterkopf behalten, dass er sich in einer potenziell explosionsfähigen Umgebung bewegt.
Nach dem Flug erfolgt die Auswertung der Daten. Fotos, Videos oder 3D-Modelle werden analysiert und in einen technischen Bericht überführt.
Die echten Herausforderungen im Einsatz
Aus den Erfahrungsberichten lassen sich klare Muster erkennen. Die Flugzeit ist ein limitierender Faktor. Mehrere Flüge sind oft notwendig, was Akkuwechsel erforderlich macht. Jeder Wechsel ist ein zusätzlicher Arbeitsschritt mit eigenem Risiko. Bei der Elios 3 kann je nach Räumlichkeit die neue, kabelgebundene Stromversorgung für einen unterbrechungsfreien Flug sorgen.
Die Orientierung im Innenraum ist schwieriger als erwartet. Strukturen ähneln sich, Referenzpunkte fehlen, und es besteht die Gefahr, Bereiche doppelt zu erfassen oder ganz zu übersehen. Die Anforderungen an den Piloten sind deutlich höher als im klassischen Drohnenbetrieb. Ohne GPS, bei schlechten Lichtverhältnissen und in engen Räumen steigt die Fehleranfälligkeit.
Und über allem steht das Gasrisiko, das sich weder sehen noch direkt erfassen lässt.
Was ein Drohnenpilot konkret beachten muss
Ein Drohnenpilot, der in diesem Umfeld arbeitet, muss anders denken als in der üblichen Luftbild- oder Inspektionspraxis. Er muss davon ausgehen, dass die Umgebung potenziell gefährlich ist, auch wenn sie harmlos wirkt. Er muss verstehen, dass seine Drohne nicht nur ein Werkzeug, sondern auch eine potenzielle Gefahrenquelle ist.
- Vor jedem Einsatz ist die Abstimmung mit dem Betreiber zwingend. Ohne Kenntnis der Anlage und ihrer Gefahren darf kein Flug stattfinden.
- Die Technik muss in einwandfreiem Zustand sein. Beschädigte Akkus oder improvisierte Lösungen haben in diesem Umfeld nichts verloren.
- Der Flugstil muss ruhig, kontrolliert und defensiv sein. Es geht nicht darum, spektakuläre Bilder zu erzeugen, sondern präzise Daten sicher zu erfassen.
- Und vor allem: Der Pilot muss jederzeit bereit sein, den Einsatz abzubrechen.
Die klare Grenze
Es muss deutlich gesagt werden: Dieser Einsatzbereich ist nichts für Gelegenheits- oder Hobbydrohnenpiloten.
Die Kombination aus technischen Anforderungen, industriellen Risiken und fehlender Standardisierung macht ihn zu einem Spezialgebiet, das Erfahrung, Vorbereitung und die richtige Ausrüstung erfordert. Wer hier ohne ausreichende Kenntnisse arbeitet, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere und die Anlage.
Unser Handout Merkblatt Indoor-Drohnenbefliegung von Biogasanlagen

Sicherheit. Praxis. Technik. Handlungsempfehlungen.
Die Befliegung von Biogasanlagen mit Drohnen ist kein Randthema. Sie ist ein wachsender, hochrelevanter Anwendungsbereich mit erheblichem Potenzial für den Arbeitsschutz. Gleichzeitig besteht eine klare Regelungslücke. Weder das Luftrecht noch der klassische Arbeitsschutz decken diesen Einsatzbereich vollständig ab.
Unser im Mitgliederbereich downloadbares Handout mit der Zusammenfassung der wichtigsten zu beachteten Faktoren und Risiken richtet sich an Fernpiloten, Betreiber und perspektivisch auch an Behörden und soll weiterhelfen – sowohl bei Eurer Entscheidung, ob Ihr dieses Anwendungsfeld in Euer Leistungsportfolio aufnehmen wollt sowie auch als Leitfaden und Merkblatt für die Sicherheit Eurer Einsätze.
Handout Merkblatt Drohnenbefliegung von BiogasanlagenDrohnenbefliegung von Biogasanlagen im Außenbereich
Sicherheit · Ex-Zonen · Abstand · Flugplanung · Verantwortung
Nicht weniger sensibel, nur anders
Nach der Innenbefliegung stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Wie sieht es mit Drohnenflügen außerhalb von Biogasanlagen aus?
Auf den ersten Blick scheint die Außenbefliegung weniger kritisch zu sein. Der Pilot steht im Freien, die Drohne bewegt sich nicht in einem geschlossenen Behälter, und die Umgebung wirkt überschaubarer. Genau darin liegt jedoch eine gefährliche Vereinfachung.
Denn auch außerhalb einer Biogasanlage können explosionsfähige, toxische oder sauerstoffverdrängende Atmosphären auftreten. Sie sind nur schwerer einzugrenzen.
Während bei der Innenbefliegung der Gefahrenraum häufig klar erkennbar ist – etwa ein Fermenter, ein Gasspeicher oder ein geschlossener Behälter –, sind die Risiken im Außenbereich dynamischer. Windrichtung, Wetterlage, Betriebszustand, Leckagen, Entlüftungsvorgänge oder Störungen können dazu führen, dass Gase in Bereiche gelangen, die äußerlich völlig unauffällig wirken.
Auch hier gilt deshalb: Die Gefahr ist nicht sichtbar. Und genau deshalb darf die Außenbefliegung nicht als „normale Inspektion“ missverstanden werden.

Ein Bericht des Umweltbundesamtes vom 1.2.2019 schildert die neuen Sicherheitstechnischen Anforderungen an Biogasanlagen:
https://www.umweltbundesamt.de/themen/biogasanlagen-neue-technische-regel-soll-sicherheit
Warum es für den Mindestabstand keine einfache Meterregel gibt
In der Praxis wird häufig nach festen Abständen gefragt:
- Wie nah darf eine Drohne an einen Fermenter heranfliegen?
- Wie groß muss der Abstand zu Gasdom, Überdrucksicherung oder Entlüftung sein?
- Darf ein Fermenterdach direkt überflogen werden?
Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt dafür in der Regel keine einfache, allgemein gültige Meterangabe.
Das liegt nicht daran, dass das Risiko unklar wäre. Im Gegenteil. Es liegt daran, dass jede Anlage anders ist.
Biogasanlagen unterscheiden sich in Bauweise, Alter, Wartungszustand, Gasführung, Sicherheitstechnik, Ex-Zonenplanung und Betriebsweise. Hinzu kommen äußere Einflüsse wie Wind, Temperatur, Luftdruck und Luftbewegung. Eine mögliche Leckage verhält sich bei Windstille anders als bei böigem Wetter. Eine Entlüftung oder Überdrucksicherung kann kurzfristig völlig andere Bedingungen erzeugen als der normale Anlagenbetrieb.
Deshalb kann ein Abstand, der in einer Anlage ausreichend erscheint, in einer anderen Anlage fachlich nicht vertretbar sein.
Entscheidend ist nicht die pauschale Zahl, sondern die konkrete Gefährdungsbeurteilung vor Ort.
Kritische Bereiche im Außenbetrieb
Trotzdem lassen sich aus der Praxis klare Risikobereiche benennen. Sie sind nicht als starre Abstandsregel zu verstehen, sondern als Orientierung dafür, wo besondere Zurückhaltung geboten ist.
Direkter Anlagenbereich
Besonders sensibel sind alle Bereiche, in denen Gas geführt, gespeichert, abgeführt oder im Störfall freigesetzt werden kann. Dazu gehören insbesondere Gasdom, Gasspeicher, Überdrucksicherungen, Entlüftungen, Gasleitungen, Armaturen, Schächte und technische Öffnungen.
In solchen Bereichen können je nach Ex-Zonenplan Zone 1 oder Zone 2 ausgewiesen sein. Teilweise betrifft dies nur kleine Bereiche, teilweise können sich die Zonen über mehrere Meter erstrecken.
Für Drohnenpiloten bedeutet das: In diesen Bereichen sollte mit normalen Drohnen nicht gearbeitet werden.
Eine handelsübliche Drohne ist kein explosionsgeschütztes Arbeitsmittel. Sie enthält Akkus, Motoren, elektrische Bauteile und elektronische Komponenten. Auch wenn der sichere Betrieb im normalen Umfeld selbstverständlich erscheint, ist sie in einem explosionsgefährdeten Bereich ein potenzielles Zündrisiko.
Der direkte Anlagenbereich ist deshalb kein Ort für improvisierte Flugmanöver, enge Vorbeiflüge oder stationäres Schweben.
Öffnungen, Entlüftungen und Sicherheitsventile
Besondere Vorsicht gilt im Umfeld von Öffnungen, Entlüftungen und Sicherheitsventilen.
Hier können kurzfristig größere Gasmengen austreten. Das muss nicht dauerhaft geschehen und ist auch nicht immer vorhersehbar. Gerade diese zeitliche Veränderlichkeit macht den Bereich schwierig.
Ein Kamerabild hilft in diesem Moment nur begrenzt. Der Pilot sieht eine Öffnung, ein Ventil oder eine technische Komponente. Er sieht aber nicht, ob dort gerade Gas austritt, ob sich eine explosionsfähige Atmosphäre bildet oder ob eine unsichtbare Gasfahne durch Wind in Richtung der Drohne getragen wird.
Praxisorientiert bedeutet das:
- Kein direkter Überflug von Entlüftungen oder Sicherheitsventilen.
- Kein Schweben unmittelbar über möglichen Austrittspunkten.
- Keine Annäherung „bis auf wenige Zentimeter“, nur weil das Kamerabild dadurch besser wird.
- Keine Flugroute unterhalb oder direkt im Abstrom potenzieller Gasquellen.
Stattdessen sollten solche Punkte aus seitlichem Abstand, mit ruhigem Flugstil und unter Berücksichtigung der Windrichtung inspiziert werden.
Fermenterdächer, Membranen und Gasspeicher
Auch Fermenterdächer und Membranspeicher verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Sie wirken von außen häufig wie normale bauliche Strukturen. Tatsächlich können sie aber Teil des gasführenden Systems sein. Undichtigkeiten, Materialermüdung, Beschädigungen, Ablagerungen oder Veränderungen der Membranspannung können Hinweise auf technische Probleme geben. Genau deshalb sind sie für Drohneninspektionen interessant.
Gleichzeitig sind sie aber auch risikobehaftet. Über Membranen, Gasräumen oder gasführenden Dächern können sich Gase ansammeln oder austreten. Besonders kritisch sind Übergänge, Anschlüsse, Dichtungen, Durchdringungen und Wartungsbereiche.
Seriöse Inspektionsflüge arbeiten hier daher nicht mit maximaler Nähe, sondern mit kontrollierter Distanz.
In der Praxis bedeutet das:
- Die Drohne fliegt seitlich versetzt.
- Der Blickwinkel wird so gewählt, dass die relevanten Details sichtbar sind, ohne direkt über kritischen Punkten zu schweben.
- Der Abstand wird nicht unnötig verringert.
- Stationäres Schweben über Gasführungen, Öffnungen oder Membranbereichen wird vermieden.
- Die Flugbewegung bleibt langsam, kontrolliert und jederzeit abbrechbar.
Auch hier gilt: Es geht nicht darum, spektakuläre Bilder zu erzeugen. Es geht darum, belastbare Inspektionsdaten sicher zu erfassen.
Was professionelle Außenbefliegung ausmacht
Eine professionelle Außenbefliegung beginnt nicht mit dem Start der Drohne, sondern mit der Abstimmung mit dem Betreiber.
Vor dem Flug müssen die sicherheitsrelevanten Informationen vorliegen. Dazu gehören insbesondere der Ex-Zonenplan, die Lage möglicher Gasfreisetzungsstellen, Hinweise auf aktuelle Betriebszustände, Wartungsarbeiten, Störungen, Freigaben und interne Sicherheitsvorgaben.
Der Betreiber kennt die Anlage. Der Pilot kennt das Fluggerät. Sicherheit entsteht erst dann, wenn beide Perspektiven zusammengeführt werden.
Ein professioneller Drohnenpilot wird deshalb nicht einfach „um die Anlage herumfliegen“, sondern zunächst klären:
- Wo befinden sich gasführende Komponenten?
- Wo sind Ex-Zonen ausgewiesen?
- Wo können Gase austreten?
- Welche Bereiche dürfen nicht überflogen werden?
- Welche Mindestabstände verlangt der Betreiber?
- Welche Windrichtung liegt vor?
- Welche Flugroute vermeidet kritische Annäherungen?
- Wo befinden sich Personen, Fahrzeuge, Maschinen oder weitere Gefahrenquellen?
Erst daraus entsteht eine vertretbare Flugplanung.
Der richtige Flugstil im Außenbereich
Auch im Außenbereich ist der Flugstil sicherheitsrelevant. Professionelle Anbieter fliegen langsam, defensiv und mit Abstand. Sie nutzen seitliche Flugwinkel, vermeiden direkte Überflüge kritischer Komponenten und halten sich von Gasöffnungen, Sicherheitsventilen und Entlüftungen fern.
Besonders problematisch sind Manöver, die im klassischen Drohnenbetrieb oft unkritisch erscheinen: nahes Heranfliegen, langes Schweben an einem Punkt, steile Perspektiven direkt von oben oder schnelle Kurswechsel in unmittelbarer Nähe technischer Anlagen.
In einer Biogasanlage können solche Manöver zusätzliche Risiken erzeugen.
Ein defensiver Flugstil bedeutet deshalb:
- Möglichst nicht näher als nötig.
- Nicht direkt an Gasführungen heran.
- Keine unnötige Nähe zu Öffnungen, Ventilen und Entlüftungen.
- Keine Flugroute durch potenzielle Abstrombereiche.
- Keine längeren Schwebeflüge über kritischen Punkten.
- Jederzeitige Bereitschaft zum Abbruch.
Die beste Inspektion ist nicht die, bei der die Drohne am nächsten an das Objekt heranfliegt. Die beste Inspektion ist die, bei der die benötigten Daten mit dem geringstmöglichen Risiko erfasst werden.
Außeninspektion heißt nicht automatisch Standarddrohne
Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt: Nur weil eine Drohne außen fliegt, ist sie nicht automatisch unkritisch.
Viele Außeninspektionen an Biogasanlagen werden mit klassischen Inspektionsdrohnen durchgeführt, etwa für Übersichtsaufnahmen, thermische Prüfungen, Dachinspektionen, Zustandsdokumentation oder Leckagehinweise. Das kann fachlich sinnvoll sein.
Aber auch hier muss klar sein: Eine normale Drohne ist nicht explosionsgeschützt.
Sie darf deshalb nicht ohne Weiteres in ausgewiesenen Ex-Zonen oder in Bereichen mit möglicher explosionsfähiger Atmosphäre betrieben werden. Entscheidend ist, ob die Drohne außerhalb solcher Bereiche bleibt und ob die Flugplanung sicherstellt, dass keine Annäherung an kritische Gasbereiche erfolgt.
Wo das nicht gewährleistet werden kann, muss der Einsatz anders bewertet werden. Dann reicht es nicht, sich auf Erfahrung oder Routine zu verlassen. Dann braucht es eine klare sicherheitstechnische Entscheidung.
Die Regelungslücke im Außenbereich
Genau hier zeigt sich das eigentliche Problem.
- Es gibt Explosionsschutzregeln.
- Es gibt Ex-Zonenpläne.
- Es gibt Arbeitsschutzvorgaben.
- Es gibt betriebliche Sicherheitsbewertungen.
- Es gibt Luftrecht.
Was es bislang kaum gibt, sind speziell für Drohneneinsätze an Biogasanlagen formulierte, allgemein anerkannte Abstands- und Verfahrensregeln.
Das führt in der Praxis zu Unsicherheit.
- Der Betreiber denkt aus Sicht des Anlagen- und Arbeitsschutzes.
- Der Drohnenpilot denkt aus Sicht des Luftrechts und der Flugsicherheit.
- Die Drohne selbst passt aber nicht sauber in diese klassischen Kategorien.
Sie ist kein Mitarbeiter, der den Gefahrenbereich betritt. Sie ist aber auch kein risikoloses Werkzeug.
Sie ist ein fliegendes elektrisches Arbeitsmittel in der Nähe einer potenziell explosionsfähigen Atmosphäre.
Genau deshalb braucht dieser Einsatzbereich eine eigene Betrachtung.
Handlungsempfehlung für die Außenbefliegung
Für die Praxis lässt sich daraus eine klare Empfehlung ableiten: Außenbefliegungen von Biogasanlagen sollten nur nach vorheriger Abstimmung mit dem Betreiber und auf Grundlage der anlagenspezifischen Gefährdungsbeurteilung erfolgen.
Der Ex-Zonenplan muss bekannt sein. Gasführende Komponenten, Öffnungen, Entlüftungen, Sicherheitsventile und Membranbereiche sind besonders kritisch zu bewerten. Normale Drohnen sollten nicht in Ex-Zonen oder in unmittelbarer Nähe möglicher Gasfreisetzungsstellen eingesetzt werden.

Wo geflogen wird, sollte dies mit deutlichem Abstand, seitlichem Blickwinkel und defensivem Flugstil erfolgen. Die Windrichtung ist zu berücksichtigen. Kritische Punkte sollten nicht direkt überflogen und nicht dauerhaft überflogen oder überschwebt werden.
Und auch hier gilt: Der Einsatz muss jederzeit abgebrochen werden können.
Außen sicherer heißt nicht automatisch sicher
Die Außenbefliegung von Biogasanlagen ist in vielen Fällen sinnvoll und wertvoll. Sie kann Schäden sichtbar machen, Wartung unterstützen, Zustände dokumentieren und Betreiber bei sicheren Entscheidungen unterstützen. Aber sie ist keine gewöhnliche Gebäudebefliegung.
Biogasanlagen bleiben auch im Außenbereich technische Anlagen mit besonderen Risiken. Wer sie mit Drohnen inspiziert, muss diese Risiken verstehen und in die Flugplanung übersetzen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie nah komme ich mit der Drohne heran?
Sondern: Wie erfasse ich die notwendigen Informationen mit möglichst großem Sicherheitsabstand und möglichst geringem Risiko?
Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Drohnenflug und einer professionellen industriellen Inspektion.






